USA, Postautofahrer, Insekten

Jetzt zwingen sie mich auch noch in die USA, Kingston, da soll man schoene Wochenenden verbringen koennen, um daraufhin mit legalem Studentenstatus wieder einzureisen. Dies wiederum hat dann lukrative Folgen, 65 Stunden legale Forschungsassistenzzeit, mit einem Lohn in der astronomischen Hoehe von 34$ die Stunde. Das waermt einem das Studentenherz, insbesondere mit der Aussicht, dass man dann tatsaechlich etwas zu tun hat und nicht hilflos mit der vielen Zeit zwischen den zwei Kursen, die unterdessen drei geworden sind, hadern muss. Vielleicht werde ich sogar beliebt, kennen tun mich eh schon alle, sogar die Studenten, besser: Studentinnen, wir sind wieder zu 90, eher 95% Frauen. Alle bedauern mich fuer mein undankbares Schicksal mit der schweizerischen und hiesigen Buerokratie und sind froh, dass sie nicht ich sind. Das gibt irgendwie ein Staerkegefuehl.
Ich wollte noch sagen, dass auch ehemalige Postautofahrer in ihrer neuen Berufung als Bustourguide, gesponsert vom International House der Uni, nach 40 Jahren in Ottawa noch einen so starken Akzent haben koennen, dass man beim ersten Stop runtergehen muss und fragen: Vo wo sindsi gnau? Berner Oberland wars dann gewesen und am Schluss eine Einladung zum Fondue.
Das Eichhoernchenvertreibgeraeusch hat sich uebrigens als Insekt erwiesen. Dazwischen habe ich an ein Aufmerksamkeitsbeduerfnis der Stromleitungen geglaubt.

nervous breakdown #1

Die Frage nach dem Wann fuer den ersten Eklat hat sich geklaert.
Heute Morgen in aller Fruehe aufgestanden und zur Botschaft. Anderes Personal, es tut mir leid, ich weiss es sind bloss drei Zeilen, doch wir koennen keine Uebersetzung davon machen, da koennte sonst ja nachher jeder kommen, tut mir leid. Da muessen Sie wohl zum Uebersetzungsbuero, ja, das wird schon etwas kosten, Hanna, was denkst du? Haette ich auch gesagt, etwa 50$, doch, das finde ich auch ein bisschen teuer fuer drei Zeilen, aber das ist halt schon ein Zeitaufwand. Und danach muessen Sie wieder herkommen, wir muessen das naemlich beglaubigen, mit einem Stempel, nein, das ist nicht teuer, bloss 10$ pro Seite.
An dieser Stelle stockte er. Irgendwie muss ihm aufgefallen sein, dass mir die Traenen runterliefen, da fiel es mir auch auf, so wuetend war ich schon lange nicht mehr und schnappte mir das Blatt und raus.
Ich wollte schreien, aber da war der Gaertner und all die Diplomaten am fruehstuecken, da habe ich halt geweint und das Blatt kann ich jetzt wegwerfen, das ist die Reliefkarte meines Ausbruchs, war auch nur eine Kopie, geschnappt habe ich es mir bloss um die Szene etwas dramatischer zu gestalten.
In der Folge habe ich meine ersten kanadischen Zigaretten erstanden und Kaffee. Nachher ging ich Madame L. besuchen, die mich schon aus so vielen Problemen befreit hat. Und sie hat dann in fuenf Minuten alles geregelt, Aufschub bis Ende Oktober um die Bestaetigung einzureichen.
Ich weiss schon was ich anziehe wenn ich fuer den Stempel zur Botschaft muss. Und meinen Gesichtsausdruck weiss ich auch. Alle werden erfrieren.

Dag 3

Man sollte sich immer wundern, damit das Leben auch schoen spannend bleibt, das habe ich schon einmal einem Fribourggefaehrten geraten. Langsam finde ich es aber schwierig, in Staunen zu erstarren, wenn WIEDER ein neues Papierproblem auftaucht. Nachdem die Bachelor-Bestaetigung dann tatsaechlich gefaxt wurde, das Original aber leider wegen falscher Adressangabe meinerseits dem Postsystem zum Opfer gefallen ist, stellt sich natuerlich wieder das Sprachenproblem. So bin ich denn heute in meiner Verzweiflung zur Schweizerbotschaft. Und echt. Die helfen.
Unsere WG ist unterdessen komplett, das heisst sogar ueberzaehlig, die Cousine des S. ist auch noch da, wir machen alle zusammen einen sehr lustigen Haufen. Und die Wohnung ist toll, einige Schwaechen hat sie schon, gewisse Tueren muessen mit Schuhen geschlossen und mit Buttermessern geoeffnet werden, andere erfordern mindestens zwei Pausen bis der Effort gelingt. Aber sie weist grosses Ichwillhiernichtweg-Potential auf. Kein Grund fuer fuersorgliche Muetter sich zu sorgen, Weihnachten komm ich bestimmt.
Jetzt mache ich mich auf den Weg zum Gratis-International Students-Welcome BBQ. In Begleitung meiner roommates, fuersorglich sind sie. Oder hungrig.

Day 2

Und immernochnicht eingeschrieben an der Uni. Graesslich all dieses Papier und dann bin ich noch nicht mal selber schuld. Mein erster Schritt in die Ecole de service social und: Ah! C`est toi, Stefanie!? Hmmm, oui...? Und dann bekam ich die Fuehrung von der Sekretaerin und alle: Ah, c`est elle! Beaengstigend ein bisschen, aber schmeichelhaft, auch. Schliesslich stellt sich heraus, ich habe zwei Kurse die Woche, denn was ich da in Fribourg gemacht habe das hat Wert und wird angerechnet, nicht mal das Praktikum im Sommer muss ich machen. Zum Glueck habe ich Hobbies, Russisch und Bogenschiessen, vielleicht passt noch Cheerleading rein, so ein Kostuem wollte ich schon immer.
Bin jetzt eingezogen mit der einen Mitbewohnerin, die ist Spanierin und ganz huebsch und duenn und vor allen Dingen sehr lustig und nett und ich glaube das kommt sehr gut. Heute zieht auch noch unser Serbe ein, den habe ich bis jetzt bloss telefoniert , scheint sehr ein Lieber.
Die Royalbank hat mir ein Konto ueberlassen, jetzt fuehle ich mich wirklich heimisch. Heutabend ist Einweihungsessen, hoffentlich gibts Wein.

rue Lavergne St

Oh, viele Sachen.
Zum Beispiel kommt dem Bilinguismus der Strassenschilder die Grammatik entgegen; brav steht das eine vorn und das andre hinten. Lavergne ist entzueckend. Frisch gestrichen und es riecht auch so, das Zimmer quadratisch mit knappen neun Quadratmetern. Der Wandschrank machts wett. Stube und Esszimmer grosszuegig und hell, alles etwas alt aber funktioniert. Die Mitbewohner noch nie gesehen, aber heute gesprochen, morgen zieh ich ein.
Ein Natel gekauft, ja, natuerlich endlich eins zum klappen. Das Farbkonzept errinnert mich stets an meine Heimat. Eher Oesterreich, aber das liegt ja nahe.
War zum ersten Mal an der Uni, also nur ein bisschen schauen. Es hat nicht annaehernd so viele Geranien wie einem vorgespiegelt wurde. Das komische Geraeusch im Park auf dem Campus habe ich als Eichhoernchenvertreibton gedeutet.
Und bin viele Busse gefahren, die sind imposant, alt und ruppig aber stark.
Und wenn die Leute von der groessten Supermarktkette sprechen so toent das wie Blabla. Finde es jetzt schon schade, dass die Zeit, da ich mich jedes Mal darueber amuesieren kann vorbeiziehen wird.

Aufbrechen ist jetzt eigentlich vorbei.

Man sollte sich vielleicht nicht vornehmen Ablaeufe zu beschreiben, da fallen die Luecken auf.
Die Party war also dazwischen. Und hat gefallen.
Dann die Fortsetzung der Tragikomoedie study permit. Sie schlugen mir zuletzt vor, meinen Aufenthalt um einige Wochen zu verschieben. Aber ich war froh. Sie haben mich bemerkt! Ich existiere in der Welt der frankokanadischen Buerokratie!
Heute dann fliegen.
Nein, zuerst am Vorabend eine Dreiviertelstunde am falschen Schalter anstehen.
Fliegen ist nicht gut, aber wenn man zuviel Alkohol trinkt und danach jemanden umbringt, kann man die Flightattendantfrau verklagen. Finde ich sehr beruhigend.
Dann Mister und Misses J. Das Wort schmerzt immer - eine verflossene Arbeitskollegin kann das nachvollziehen - aber sie sind so herzig. Vom Flughafen abgeholt haben sie mich und gehaetschelt und gefuettert und so viele lustige Geschichten und sie sehen halt auch lustig aus. Und Moebel geschenkt.
Ein Busmonatsabo habe ich auch schon. Fuehlt sich an wie dem GA untreu sein.

...but we still have fun!

Diese Wohnungssuche gestaltet sich aber auch gar umständlich. Und bisher enttäuschend erfolglos. Höhepunkt der Verzweiflung - und des Amusements, zugegeben - bildet aber diese lebendige Beschreibung meines WG-Albtraumes durch eine potentielle zukünftige Mitbewohnerin.

Hi Stephanie,

Thank you for your interest in the house!
(...)
There are some ground rules about the house which you should know: there is no smoking, alcohol, or pets. Neither S. nor I have a boyfriend, and we like to keep the house a girl house, so guys are discouraged from staying overnight. We also like to have a quiet, studious atmosphere in the house. We still have fun – movie nights, dinner parties,
girl talk – but we try to be quiet by 11pm.
(...)
Hope to hear from you soon!

R.

Visum beantragen. Antwort bekommen.

Ich habe Post bekommen aus Paris. Die Botschaft schickt mir mein gesamtes Dossier inklusive Photos und rückadressiertem Umschlag zurück. Und das ohne Kommentar!
Habe lange darüber philosophiert was dies nun bedeuten könnte. Das Visum kommt nach? Gesuch abgelehnt? Unterlagen fehlen? Falsche Adresse?
Habe mich sodann dazu durchgerungen persönlich bei denen anzurufen und Informationen zu meinem Fall einzuholen. Leider wurde ich arg enttäuscht: das Telephon wird von einem englischsprechenden Roboterfranzosen bedient. Amüsant, wirklich, aber ratlos bin ich weiterhin.

Aber man darf nicht böse sein. Es wurde ja schon früher festgestellt, dass all dieser Ärger im Grunde ein edles Motiv hat. Ich meine, wie soll ich in Panik verfallen wenn ich mich ständig aufregen muss?

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